Geschichte

Udo Proksch und die Lucona-Affäre



Die Lucona war ein 1966 auf der Büsumer Werft gebauter Frachter, der am 23. Januar 1977 in der Gegend der Malediven im Indischen Ozean durch eine Explosion zerstört wurde. Sechs der zwölf Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. Das Schiff versank in 4.200 Meter Tiefe.
Was zunächst wie ein normaler Unfall aussah, entwickelte sich im Laufe der Zeit zum größten politischen Skandal im Österreich der Zweiten Republik, in den mehrere Spit­zen­politiker ver­strickt waren und der das Land von 1977 bis 1992 bewegte.
Die Lucona war 1977 von Udo Proksch, dem damaligen Besitzer der Kon­di­to­rei Demel, ge­char­tert und auf 212 Millionen Schilling versichert worden. Nach dem Untergang des Schiffes ver­weigerte die Versicherung allerdings die Aus­zahl­ung der Versicherungssumme, da sie den Ver­dacht hatte, die Ladung der Lucona habe nicht aus der behaupteten Uranerz-Auf­be­rei­tungs­an­lage be­stan­den, sondern lediglich aus Schrott.
In der Tat stellte sich heraus, dass die Ladung einen tatsächlichen Wert von le­dig­lich einer Million Schilling repräsentierte, und dass die Lucona von einer Bom­be zerrissen worden war. Der Adressat der Lieferung war ein Strohmann von Udo Proksch gewesen.
Nach der Regierungsübernahme durch die SPÖ und Bruno Kreisky Anfang der 1970er Jahre hatte sich eine Gruppe von Personen im Windschatten der Partei gesammelt, um in Gesellschaft, Kultur, Staat und Wirtschaft aufzusteigen. Nicht wenige dieser Karrieren endeten in politischen Skandalen und Affären oder vor Gericht.
Einer dieser Glücksritter war Udo Proksch. Er galt als das Enfant terrible der österreichischen Ge­sellschaft. Zu seinen ausgefallenen Ideen ge­hör­te der 1969/1970 gegründete „Verein der Senk­recht­be­gra­benen“, der Tote in Plas­tikröhren ein­schweißen und senkrecht in die Erde stel­len woll­te. Eine ande­re Idee sah ein Sperrgebiet vor, in dem Männer mit echten Waffen und scharfer Munition Krieg „spielen“ können sollten. Durch seine guten Ver­bin­dun­gen zu Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Karl Lütgendorf soll es ihm sogar einmal gelungen sein, mit einem Kampf­flug­zeug über Wien zu fliegen.
Proksch, der seit 1974 Besitzer der Hof­zu­cker­bä­ckerei Demel war, gründete für die SPÖ-Elite in Politik und Wirtschaft nach dem Vorbild der italienischen P2 den Club 45, in dem man regelmäßig zu vertraulichen Treffen zusam­men­kam. Die Mitgliederkartei des Club 45 las sich wie das „Who-is-Who“ der SPÖ.
Der Club 45 kam später im Lied Wiener Blut des Sängers Falco vor. Darin dreht es sich um Korruption innerhalb der Wiener „Gesellschaft“.
Doch sind für eine
Hetz wir immer gut
Für dich und mich in Wien.
Wir präsentieren Wien
Auch im Club 45 samma drin
Zum Freundes- und Bekanntenkreis von Udo Proksch zählten Bruno Kreisky, dem er einmal bei der Wiederwahl behilflich war, und dessen halbe Re­gie­rung, alle Mitglieder im Club 45. Proksch dachte, über den Gesetzen zu stehen. Er diente sich den Mächtigen an, ohne dass diese merkten, wie sie an seinen Fä­den zappelten, während sie sich in seiner Gesellschaft amüsierten.

Die Zweite Republik
Österreich: Die zwei­te Republik

Die ersten Vermutungen, dass beim Untergang der Lucona etwas faul sei, stammten vom Anwalt Werner Masser, der die „Bun­des­län­der-Ver­si­che­rung“ beriet, bei dem die Ladung des Schiffes versichert war. Er verhinderte, dass die Ver­si­che­rungs­summe gleich an Proksch über­wiesen wurde.
Masser engagierte Dietmar Guggenbichler, einen Salzburger Detektiv, der 1983 die erste formelle Strafanzeige gegen Proksch stellte. Masser war das nicht genug. So half er dem befreundeten Journalisten Gerald Freihofner von der Wo­chen­pres­se auf die Sprünge. Freihofner kämpfte verbissen darum, dass sich die Staats­an­walt­schaft einschalte. Seine um­fang­rei­chen Re­cher­chen im "Fall Lucona" wurden von ihm Schritt für Schritt in der Wochenpresse auf­ge­deckt. Die gesammelten Details verarbeitete der Best­sel­lerautor Hans Pretterebner literarisch in sei­nem Buch "Der Fall Lucona", das er im Jahr 1987 im Eigenverlag veröffentlichte.

Wegen Prokschs hervorragenden Beziehungen in die höchsten Kreise der Po­li­tik unternahmen die Ermittlungsbehörden lange Zeit nichts, um den Vor­wür­fen auf den Grund zu gehen. Unter an­derem hatte der Justiz­mi­nister die Sache Proksch zur „Suppe, die 'zu dünn' sei“, erklärt. Erst am 15. Februar 1985 wur­den Udo Proksch und Hans Peter Daimler, der zweite Drahtzieher im Fall Lu­co­na, wegen Betrugsverdachts verhaftet, aber schon am 28. Februar wieder auf freien Fuß gesetzt. Beide flüchteten. Proksch fuhr nach Manila und unterzog sich dort einer Ge­sichts­operation. Er geriet trotz Bart und fal­schen Pas­ses bei einer un­ge­woll­ten Zwi­schen­lan­dung auf dem Wiener Flughafen am 2. Oktober 1989 schließlich der Polizei ins Netz.
Erst jetzt begann die Aufarbeitung des Lucona-Skandals. Zeugenaussagen, In­dizien, die haupt­sächlich von Freihofner und Prett­er­eb­ner zusam­men­ge­tra­gen worden waren, sowie die Auf­fin­dung des Wracks mit einem rie­si­gen Spreng­loch im Rumpf in mehr als 4.000 Meter Meerestiefe führten zur Anklage.
Zur Klärung der Verwicklung von Politikern in den Fall, insbeson­de­re der po­li­ti­schen Verbindungen zur SPÖ, wurde 1988-1989 auch ein parla­men­ta­rischer Untersuchungsausschuss eingesetzt, der zu unverkennbaren Einblicken in die so­zial­de­mo­kra­ti­sche „Freun­derl­wirt­schaft“ führte, die un­zäh­lige Personen in fast allen Bereichen der Wie­ner Szene betraf, und in dessen Folge es zum Rück­tritt des Na­tio­nal­rats­prä­si­denten Leopold Gratz und des Innenministers Karl Blecha kam, weil sie Prokschs Freilassung aus der Un­ter­su­chungs­haft zu ver­ant­wor­ten hatten.
Die Staatsanwaltschaft beantragte für Proksch wegen sechsfachen Mordes, versuchten Mordes und versuchten Betrugs eine lebenslange Haft­strafe. Sie sah es als erwiesen an, dass Proksch gemeinsam mit Daimler den Ver­si­che­rungs­betrug eingefädelt und den Tod der Schiffs­be­sat­zung geplant hatte. Statt einer Uran­erz­auf­be­rei­tungs­an­lage, die hoch versichert worden war, befanden sich nach Ansicht der Ankläger nur „frisierte Teile eines alten Kohleberg­wer­kes“ an Bord des Schiffes.
Der Gerichtsprozess gegen Proksch endete 1992 mit einem Schuldspruch we­gen sechsfachen Mordes und mit der Verurteilung zu lebenslanger Haft.
Proksch starb Ende Juni 2001 nach einer Herz­ope­ration während der Haft.
Der deutsche Staatsbürger Daimler kam hin­ge­gen in Deutschland vor Gericht, nachdem der überlebende Lucona-Kapitän Jacob Puister ihn in Deutsch­land wegen Mordverdachts angezeigt hatte. Wegen Beihilfe zum Mord und Mord­ver­such in jeweils sechs Fällen wurde Daimler 1997 zu 14 Jahre Haft verurteilt.