Landschaften/ Orte

Das Gänsehäufel



Wenn es den Wienern in der Stadt zu heiß wird, flüchten sie zum Strandbad Gänsehäufel an die Alte Donau, wo sie schon seit weit über hundert Jahren Abkühlung finden.
Als gebürtiger Wiener. aber seit Lebens im „Ausland“ lebender Ös­ter­rei­cher habe ich von diesem „Sommerparadies der Wiener“ nur aus den Erzählungen meiner Eltern gehört. Vater war in seinen jungen Jah­ren im Gänselhäufel als Schwimmlehrer tätig. Sein Vater wiederum hatte an der Alten Donau ein Häuschen mit Garten. Vaters begeisterte Schil­de­run­gen hatten bei mir einst den Namen zum Begriff gemacht. Die auf dieser Seite gezeigten Schwarz-weiß-Fotos stammen von ihm.
In alten Zeiten verzweigte sich die Donau im Wiener Bereich in viele einzelne Arme und bildete ein weites, wildes Auengebiet. Im frühen 18. Jahrhundert wurde nach mehreren verheerenden Überschwemmungen die heutige Alte Donau zum Hauptarm der Donau. Zwischen 1870 und 1875 wurde die Donau dann zwecks Hochwasserschutz reguliert. Die Alte Donau wurde vom neu ge­grabenen heutigen Hauptstrom abgetrennt und wurde dadurch zum Bin­nen­ge­wässer, das bis heute vom unmittelbaren Donauwasserzufluss ab­ge­schnitten ist. Sie wird haupt­sächlich durch das Grundwasser gespeist.

BUCHEMPFEHLUNG:
Die Alte Donau: Auf Sommerfrische in der Stadt
Früher ein Hauptarm der Donau, nach deren Regulierung ein beliebtes Nah­er­holungsgebiet der Wiener: die Alte Donau. Die vielfältigen Ver­gnü­gun­gen zu Wasser und zu Land lock­ten seit jeher ein großes Publikum der unterschiedlichsten Schichten.

Vor der Donauregulierung befanden sich zwei kleine Inseln inmitten des damaligen Hauptarmes der Donau. Weil sich viel Federvieh dort aufhielt, nannten die Wiener das Gelände „Gänsehäufel“. Eigentlich waren es zwei Inseln, die um 1870 im Donau-Altarm „Alte Donau“ ihren Platz fanden. Die nördliche, größere der beiden Inseln wurde zum heutigen Gänsehäufel, die südlichere ist seither eine Halbinsel, die als Kleines Gän­se­häu­fel bezeichnet wird.
Im Jahr 1900 pachtete der Naturheilkundler Florian Berndl einen Teil der größeren Insel, um dort mit einfachen Mitteln ein Sonnen- und Strombad zu gestalten, welches er dann gegen geringes Entgelt öffentlich zugänglich machte. Eine Besonderheit war von Anfang an, dass im Gegensatz zu den anderen Bädern hier beide Geschlechter ge­mein­sam baden durften. Gleich­zeitig brachte er ba­de­freu­digen Wienern na­tur­bezogene Körperkultur (FKK) näher.
Die Zeiten waren noch prüde, so wurde 1905 Berndl der Pachtvertrag auf­gekündigt. Daraufhin pachtete er ein Grundstück am nördlichen Ufer der Alten Donau, das er Brasilien in Wien nannte, später wurde daraus die Klein­gar­ten­siedlung Neu Brasilien.
Das von der Stadt Wien übernommene Bad auf dem Gänsehäufel wurde am 5. August 1907 als Strandbad der Commune Wien am Gänsehäufel als großstädtisch angelegtes Strandbad der Gemeinde Wien mit Gast­wirt­schaft, weitläufigen Baulichkeiten, elektrischem Licht und Hoch­quel­len­was­ser eröffnet. Die Insel entwickelte sich in der Folge zu einem der be­lieb­testen Badeplätze der Wiener, der in den Jahren nach dem Ersten Welt­krieg bis zu 20.000 Gäste pro Tag verzeichnete! Später entstanden an der Alten Donau noch weitere Strandbäder.
Die sittenstrenge Gemeinde Wien sorgte dafür, dass das „Strandbad Gän­sehäufel“ nach Ge­schlechtern getrennte Anlagen bekam. Auch der Ba­de­strand war in drei Bereiche gegliedert: in den „Frauen-Strand“ im Nord­westen, den „Her­ren-Strand“ im Osten und den dazwischen liegenden „Fa­mi­lien-Strand“ im Nordosten. Um in diesen „gemischten“ Bereich zu ge­lan­gen, ließen sich die Wiener allerlei einfallen. Schon bei der Anreise in der Straßenbahn sprachen allein fahrende Herren Single-Damen an, um sich den Eintritt ins Fa­mi­lienbad als „Ehepaar“ zu er­schwin­deln. Der Trick musste nur an der Kasse funk­tio­nieren. Immerhin konnte man sich auch schwimmend oder rudernd über das Wasser näher kommen.
Den Badefreudigen im Gänsehäufel standen insgesamt 46.000 Quadratmeter Wiesenfläche und ein 305 Meter langer Strand zur Verfügung. Alle Sand­strän­de waren künstlich angelegt und im Vergleich zu heute viel breiter. Schon in den ersten Jahren bot auch das Strandleben im Gänsehäufel eine Fülle an Unterhaltungen. Zu den großen Attraktionen zählten vor allem die Was­serrutschen. Im Familienbad konnte man neben dem Wasser- und Son­nen­bad auch Sandbäder genießen. Im Herrenbad waren die Turngeräte ein begehrter Treffpunkt.
Das Superstrandbad
Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden neue Umkleidekabinen und der landschaftliche Cha­rakter wurde durch gärtnerische Gestaltung verstärkt. In den tristen Zeiten von Ar­beits­lo­sigkeit, Not und sozialem Elend leitete die „rote“ Stadtregierung eine große Sozialreform ein, beginnend bei Wohnbau und Ge­sund­heits­wesen. Dazu zählte auch der Ausbau des Wiener Bä­der­we­sens. Es sollte dadurch auch das Bild des „neuen Menschen“ pro­pa­giert werden, charakterisiert durch körperliche Hygiene, Gymnastik und ge­sun­de Ernährung.
In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs wurde das Gänsehäufel durch Bombenangriffe vollständig zerstört. Zwischen 1946 und 1950 wurde es nach Plänen der Architekten Max Fellerer und Eugen Wörle als modernstes und größtes Sommerbad Wiens wiederaufgebaut.
Jedenfalls wurde nach dem Krieg dann alles lo­ckerer. Die strikte Trennung der Geschlechter war schon vorher abgeschafft worden. Das Bad und der Uhrturm, wie wir sie heute kennen, sind mitt­ler­weile denkmalgeschützt. Stammgäste und Kabanenbesitzer (begehrte Kabinen mit Vor­bau­ten) wurden Haupt­dar­stel­ler legendärer Radio- und TV-Dokumentationen.
Natur und „Moderne“
In den Prospekten der Stadt Wien wird die Alte Donau  nicht nur als Paradies für Hobbysegler, Wasserratten und Naturliebhaber gepriesen, sondern auch als ein echtes „Naturparadies“ mit Bibern, Teichfröschen, Welsen und Hechten und einer intakten Natur. Die reinste Idylle also. Wenn ich mir die alten Fotos meines Vaters ansehe, wird diese Naturnähe auch optisch bestätigt. In welche Himmelsrichtung man damals auch schaute, nichts als Natur. Freilich war das Gebiet zwischen der Neuen  und der Alten Donau  bereits besiedelt, den Stadtteil Kaisermühlen  gab es seit dem Jahr 1850. Nur war das Viertel, wie eine alte Aufnahme von 1934 belegt, kaum sichtbar.
Heute hingegen öffnet sich der Blick in Richtung Westen auf die sogenannte Donau City, die je nach Ansicht eine beeindruckende Kulisse ist, die einer internationalen Metropole gerecht wird, oder ein weiterer Baustein des Stadtbildverlusts Wiens.
Blick auf Donaucity
Anfang der 2000er-Jahre wurde das Bad saniert. Heute können wieder bis zu 30.000 Menschen täglich dieses Bad besuchen. Es ist das meist­be­suchte städtische Freibad Wiens.
Das „Gänsehäufel“ ist mit einem Fas­sungs­ver­mögen von 30.000 Besuchern (in Nicht-Corona-Zeiten) bis heute Wiens größtes und beliebtestes Freibad.

 
 
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