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Das Wiener Kaffeehaus
Mehr als 300 Jahre lang drängten die Türken nach Europa. Wien galt als das Bollwerk der Christenheit schlechthin gegen den Eroberungswillen der osma­nischen Sultane. Es war das Jahre 1683, als Wien zum zweiten Mal von den Truppen des Osmanischen Reiches unter der Führung des Großwesirs Kara Mustafa Pascha belagert wurde. Eine Belagerung, die vom 14. Juli bis zum 12. September 1683 dauerte. Fast das gesamte Abendland hatte sich zusam­men­ge­tan, um der Gefahr entgegen zu wirken. Truppen des Heiligen Römi­schen Reiches, Polen-Litauens, der Republik Venedig und des Kirchenstaates verteidigten die Stadt. Aber erst nach em Eintreffen eines Entsatzheeres des polnischen Königs Jan Sobieski am 15. August und der folgenden Schlacht am Kahlenberg am 12. September konnten die Truppen des Osmanischen Reiches geschlagen werden. Nachdem der Kern der türkischen Truppen aufgerieben worden war, ergriffen diese überstürzt die Flucht. Sie zogen nach Belgrad ab, wo Kara Mustafa auf Befehl des Sultans Mehmed IV erdrosselt wurde.
Der ungeordnete Rückzug des türkischen Heeres verschaffte den Siegern reiche Beute - unter anderem auch zahlreiche Säcke mit seltsamen Bohnen, die zunächst von den Wienern für Kamelfutter gehalten wurden. Der Legende nach soll König Sobieski diese Säcke Georg Franz Kolschitzky (Dolmetscher, kaiserlicher Ku­rier und Geschäftsmann) übergeben haben – als Dank für eine Heldentat. Als Türke verkleidet hatte Kolschitzky nämlich die feindlichen Linien der Türken durchbrochen, um Karl von Lothringen eine wichtige Botschaft zu überbringen. Weiterhin besagt die Legende, dass Kolschitzky unmittelbar nach dem Ende der Belagerung mit den erbeuteten Kaffeesäcken das erste Wiener Kaffeehaus "Zur blauen Fla­sche" gegründet habe.
Diese Geschichte ist allerdings frei erfunden, sie wurde erst 1783 von Gott­fried Uhlich in seiner Chronik "Geschichte der zweyten türkischen Belagerung Wiens, bey der hundertjährigen Gedächtnißfeyer" in die Welt gesetzt.
Historisch belegt ist hingegen die Gründung des ersten Wiener Kaffeehauses am 17. Jänner 1685. Damals erhielt der armenische Handelsmann und Kurier Johannes Theodat von den Stadtoberen zum Dank für seine Kurierdienste das erste Privileg zur öf­fentlichen Ausschank von Kaffee. Der Mann war aufgrund seiner Herkunft mit der Zubereitung der Kaffebohnen sehr vertraut. 20 Jahre lang durfte er als einziger Händler Wiens Kaffee als Getränk verkaufen. Das Kaffeehaus wur­de in seinem Haus am Haarmarkt, heute Rotenturmstraße 14. eröffnet.
Im Cafe im Oberen Schloss Belvedere
Es ist gut möglich, dass die ersten Kaffeehäuser Wiens auf dieser Niederlage der Türken zurückzuführen seien. In Europa gab es jedenfalls bereits früher Kaffeehäuser, bei­spiels­weise in Venedig seit dem Jahr 1645. Und es gab – im­mer noch vor Wien – schon Kaffeehäuser in Oxford, London, Mar­seille, Am­ster­dam, Paris, seit 1673 in Bremen und 1677 in Hamburg.
Wer auch immer der Erfinder der Idee war, den Kaffee mit Milch und Zucker zu mi­schen, erst diese Neuerung mach­te den Kaffee bei den Wiener so richtig beliebt und verschaffte dem Kaffeehaus in Wien den großen Durchbruch. Die Zahl der Kaffeehäuser stieg rapide an. 1819 gab es bereits 150 Kaffeesieder, um 1900 waren es 600. Die Gäste waren ur­sprüngich fast ausschließlich männlichen Geschlechts. Um 1870 war es aber schon mo­dern, ein Kaffeehaus mit der Familie zu besuchen. Es gab sogar Damensalons für Da­men­kränzchen.
Im zwanzigsten Jahrhundert entstanden neue Formen des Kaffeehauses, wie die Kaffee-Konditorei, sowie die Espres­sos und Cafe-Bars. Die Zahl der klassischen Kaffeehäuser nahm ab: von 1283 Kaffeehäuser 1938 zu 584 im Jahr 1994. Dafür gab es aber eine große Anzahl Cafe-Restaurants und Espresso-Bars.
Die Blütezeit des Wiener Kaffeehauses war Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals verbrachten zahlreiche bekannte Schriftseller und Kün­stler einen Großteil ihres Tages in ihren Stammcafés, die sie teilweise als Lebens- und Arbeitsstätte nutzten. Sie Spielten Schach, lasen die Zeitung, trafen sich mit anderen nicht gewöhnlichen Menschen und führten anregende Gespräche. Dichter, Denker, Maler, Revolutionäre - sie alle waren häufige Gäste in den Kaffehäusern.
Im berühmten Traditionscafé Cafe Central, beispielsweise, trafen sich Per­sönlichkeiten wie Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Peter Altenberg und Leo Trotzki. Lange wäre eine Liste prominenter Stammkunden des einen oder an­deren Wiener Kaffeehauses: Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Adolf Loos, Alfred Polgar, Oskar Kokoschka, Robert Musil, Joseph Roth, Franz Werfel und Friedrich Torberg - nur um einige zu nennen.
Im Cafe Central

Stefan Zweig über das Wiener Kaffehaus: "Es stellt eine Institution beson­de­rer Art dar, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist. Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine un­be­grenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann. Täglich sa­ßen wir stundenlang, und nichts entging uns.

Alfred Polgar formulierte es philosophischer: "Das Café Central ist nämlich kein Café­haus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen.
Im Cafe L.Heiner
Die traditionellen Wiener Kaffeehäuser waren kulturelle Institutionen, Treff­punkte und Orte der Inspiration und des Austausches für Künstler, Dichter und Denker, Schmelztiegel von Kulturen und Sprachen.
"Es ist kein Klischee, dass Literaten einen halben Tag diskutierend bei nur ei­ner Tasse Kaffee zubrachten", schrieb einmal die Prager Schriftstellerin Lenka Reinerova (1916-2008). Ob man das heute noch tun kann, kann bezweifelt wer­den, stehen doch jeden Tag Scharen von Touristen vor den Türen der bekannteren Cafés, um einen Tisch zu reklamieren.

Das große "Kaffeehaus-Sterben" begann in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Einige berühmte Wiener Kaffeehäuser mussten, bedingt durch geänderte Freizeitgewohnheiten, schließen. Die wachsende Beliebtheit der Es­presso-Bars amerikanischen und italienischen Stils trug das ihre dazu. Glück­licherweise gibt es auch heute noch zahlreiche dieser ty­pi­schen Wiener Lo­ka­le, die sich ihren ursprünglichen Charme bewahrt haben. Es sieht auch so aus, als würde ihre Beliebtheit wieder ansteigen.

Kleines Kaffee-ABC
Brauner Schwarzer Kaffee mit Milch (groß oder klein).
Doppelmokka Doppelt starker Kaffee in großer Mokkaschale.
Einspänner Henkelglas mit schwarzem Kaffee, Obers und Staub­zucker. (Henkel weil der Fiaker mit einer Hand die Zügel halten mußte).
Espresso Schwarzer Kaffee aus Espressomaschine (groß, klein)
Fiaker Schwarzer Kaffee mit Kirschwasser oder Rum "auf­gespritzt“ plus Kirsche.
Franziskaner Kleiner gestreckter Mokka (auch koffeinfrei) mit heißer Milch, Schlagobers und Schokoladestreusel.
Intermezzo Kleiner Mokka, mit heißer Schokolade und Creme de Cacao verrührt und Schlag­obershaube mit Praline (evtl. Mokkabohnen).
Kaisermelange Großer Mokka mit Eidotter, Honig und Cognac (bzw. Wein­brand) vermischt.
Kännchen Kaffee Zwei Schalen leichter Kaffee nach deutschem Ges­chmacks­muster in kleiner Kanne serviert.
Kapuziner Kleiner Mokka mit einigen Tropfen Obers (bis er Farbe der Kapuziner-Kutte annimmt).
Konsul Großer Mokka mit einem Spritzer Obers
Kosakenkaffee Kleiner Mokka im Einspännerglas, vermischt mit Rot­wein, Wodka und flüssigem Zucker.
Kurzer Mokka, mit wenig Wasser zubereitet.
Meisterkaffee Schale Kaffee mit Weinbrand serviert.
Wiener Melange 1/2 Mokkaschale, Kaffee mit 1/2 Schale durch Was­ser­dampf schaumig geblasener Milch vollendet.
Mokka (groß / klein) Schwarzer Kaffee in großer oder kleiner Mokka­tas­se.
Mokka gespritzt Mokka mit etwas Rum oder Weinbrand.
Obers gespritzt Mit wenig Kaffee versetztes flüssiges Obers.
Pharisäer 4 cl Rum mit Kristallzucker in Einspännerglas ver­rührt, mit heißem Mokka aufgegossen und Schlagobershaube bedeckt (versteckt).
Schale Gold Kaffee mit Obers zu goldbrauner Farbe komponiert, hel­er als Brauner.
Schwarzwälder Kaffee Kleiner Mokka mit Schwarzwälder Kirsch und halb ge­schlagenem Obers (Einspännerglas).
Türkischer In Kupferkännchen aufgekochter feingemahlener Kaf­fee, samt Satz serviert, mit Zucker oder Rahat gesüßt.
Verlängerter Kleiner Mokka, mit heißem Wasser auf großes "Mok­ka­maß" gebracht.
Verkehrter Im Teeglas wird ein kleiner Mokka mit geschäumter hei­ßer Milch aufgefüllt.
Wiener Eiskaffee Großer kalter Mokka mit Vanilleeis, Schlagobers und Staubzucker.
 
 
Das Wiener Kaffeehaus
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