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Die Karnische Front



Mit der Kriegserklärung des Königreichs Italien an Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 entstand eine Gebirgsfront, die sich vom Stilfser Joch bis zur Adria westlich von Triest erstreckte, die Österreich vom Süden her direkt bedrohte. Erstmals in der Geschichte wurde die Hochregion der Alpen zum Schau­platz lang anhaltender schwerer Kämpfe. Vom Ortler bis zur Adria entstand ein weit verzweigtes Wegenetz, das die Täler mit den Höhenstellungen verband. Diese Frontwege sollten ab den 1980er Jahren als Erinnerungsstätten eingerichtet und als "Friedenswege" bezeichnet werden.
Auch der Karnische Hauptkamm vom Hornischek bis zum Nassfeld wurde zur Gebirgsfront. Brennpunkt der Kampfhandlungen waren hauptsächlich der Plö­cken­pass und die angrenzenden Höhenzüge zwischen Cellon, Kleiner Pal - Frei­kofel und Großer Pal.
Gebirgskrieg

Im Spätherbst 1917 kam es, nach dem Durchbruch der österreichisch-deut­sche Armee bei Flitsch und Tolmein, zur Räumung dieses Frontabschnitts.

Aus dem Kriegstagebuch meines Großvaters
" . . . In der Nacht wurden wir einwaggoniert und gegen 2 Uhr früh ging es los über Laibach-Assling nach Oberdrauburg. Dort kamen wir in der Nacht an. Wir marschierten bis Simerlach. Auf einer Wiese wurde Zeltlager aufgeschlagen und geschlafen. Das Aufwachen am Morgen ist nicht zum beschreiben. Wir kamen aus einer öden Wüste (Bem.: von der Isonzo-Front in Friaul), aus Staub und Stein, kein Wasser, nur Not und Tod und hier - alles so frisch und grün, da und dort rieseln die klaren Wasser herunter, unglaublich, man kann Wasser nehmen soviel man will, man kann sich waschen, ja da hat man die Wohltat des Wassers recht kennengelernt. Wir kamen uns wie auf einer an­deren Welt vor. Den ganzen Tag wurde gewaschen und geputzt, ich konnte die schöne Bergwelt nicht genug bewundern, immer richteten sich meine Blicke auf den Hochstadel, wo noch ein kleiner Schneefleck herüber­glänzte . . .
. . . Am 3. Sept. 1915 hieß es aufwärts durch den Nölblinggraben gegen den Ho­hen Trieb zu. Wir besichtigten die Stellung (es war gerade Neuschnee ge­fallen), später kam die Truppe nach und wir lösten also die vorderste Linie ab. Mit mei­ner 4. Kompanie kam ich in der Gegend des Zollnersees in Stel­lung (etwa 1800 m hoch). Vor uns ging es steil hinunter bis ins Tal, erst am ge­gen­seitigen Hang wa­ren die Italiener. So hatten wir Gewehrfeuer von vorne nicht zu erwarten, aber etwas von der rechten Flanke von dem 2195 m Hohen Trieb und dem 2006 m ho­hen Findenig Kofl in der linken Flanke . . .
Auf den Spuren meines Großvaters
Kaverne des Ersten Weltkriegs (mit dem Findenig Kogel im Hintergrund)
. . . Wir kamen auf die Straniger Alpe beim Gartenerkofl; es sollte ein Angriff ge­gen den Findenigkofel und Cima di Puartis unternommen werden, denn da hat­ten die Italiener einen Keil in diesen Linien. Frisch war es schon in der Nacht, als wir dort oben in Vorbereitung lagen. Etwa am 15. September früh ging der Tanz los. Diesmal schoß die Artillerie ausnahmsweise großartig; ich war mit mei­nem Fähnlein Reserve, konnte mir also vormittag in der Sonne den Bauch wär­men. Nachmittag war die eine Spitze unser und ich wurde be­fohlen, am Puartis (1966 m) die Reste von Italienern zu vertreiben und dort Stellung zu beziehen. Durch eine Schrunse wand ich mich hinauf, inzwischen waren die Italiener ver­schwunden und ich sandte ihnen nur ein paar "Bohnen" nach. Dann fing ich an, mich oben zu installieren. Ich mußte die italienische Stellung "umdrehen", also für uns ausbauen. Das war harte Arbeit, denn die Italiener sind tadellose Erd­ar­bei­ter aber über Nacht war die Sache geschafft. Bei ihrer Flucht hatten die Italiener eine Menge von Ausrüstungsgegenständen zurückgelassen . . .
. . . Anfang Oktober traf uns die Nachricht, daß man von der schönen Stellung weg sei und gerade 2 Tage vorher die alte Stellung beim Hohen Trieb bezo­gen habe. Ich wanderte also hinauf und übernahm den "Kleinen Trieb" 2160 m. Natürlich war schon alles im Schnee. Oben die Offiziersbaracke war ein Glas­pa­last, zwar wunderschöne Aussicht auf die Hohen Tauern, aber der Erbauer hatte keine Ahnung, daß es da oben bitter kalt sein kann. Auch für die Mannschaft war sehr schlecht vorgesorgt. Der "brave" Vorgänger hatte z.B. den zu mir he­rauf­führenden Weg mit etwa 40 cm hohen Pflöcken und Draht eingesäumt. Wie sich dieser (er war älter als ich) Hauptmann einen Winter im Hochgebirge vor­stellte! Ich habe dann 4 m lange Stangen auf­ge­stellt und von diesen ragten dann kaum die Spitzen heraus. Ich muß­te mich also bequemen, jetzt, so spät, die ganze Stellung neu aus­zubauen. Zuerst mußte die Mann­schaft neue Unterkünfte be­kom­men, denn es gab schon täglich erfrorene Füße. Ich for­derte also Bretter und Spreng­ma­terial an. Letzteres bekam ich spärlich, aber die Bretterfrage löste unser Pro­viant­of­fizier wie­der großzügig. Er setzte einfach eine Reichs­ita­lie­ni­sche Säge in Gang und die Bretter wanderten zu mir herauf. Es wurde fleißig gesprengt um den nötigen ebenen Raum zu gewinnen und außerdem, um die Unterkünfte vor feindlicher Geschoßeinwirkung zu schützen. Bis 1. Jänner 1916 stellte ich 16 solcher Baracken auf für je 17 Mann, mit Doppeldach, Doppel­wän­den, Doppelfenstern und Türen. Zeitweise mußten wir einen halben Tag Schnee schaufeln, damit die Baracken, oft bis zu den Fenstern eingeschneit, wieder freigemacht werden; außerdem mußte das Essen täglich etwa 300 m he­rauf­geholt werden, da die einzige Quelle da unten lag. Es war ein abwechslungs­rei­ches Leben manchmal, wenn klarer Sonnenschein war, wunderschön die Fernsicht, weit thronte ich da über allen anderen . . .
. . . Sonntag war immer Ruhetag. Wir schossen nicht, die Italiener auch nicht. Unten am Collendiaul Törl, war zwischen den Drahthindernissen ein freier Raum. Da lag die Mannschaft Sonntag mittags in der warmen Sonne auf Decken, eine Ziehharmonika spielte, manchmal wurde getanzt. Die Italiener sahen von ihrer Stellung aus zu und wenn man ihr Lieblingslied " La paloma" spielte, gaben sie reichen Beifall. Manchmal abends packte ich mich zu­sam­men und wanderte in den Nebenabschnitt zum Leutnant Heinz, welcher beim Zollner See eine Maschi­nen­gewehr-Abteilung befehligte. Da war es dann bei Tee oder Wein recht lustig. Aber 1½ Stunden Schneestapfen kostete so ein Ausflug. Aber diese Ruhe, diese Erhabenheit der Bergwelt war stets ein Er­leb­nis. Oft bei Vollmond konnte ich viertelstundenlang stehen und die Berge betrachten, sah man doch in solch klarer Nacht bis zu den Hohen Tauern. Damals dacht ich mir, wie schön es sein müsse, einmal einen Winter oben in den Bergen zubringen zu können. . . .
Auf den Spuren meines Großvaters
Der Zollner See, der Kleine und der Hohe Trieb
. . . Im Jänner gab es große Aufregung. Die Nachricht tauchte auf, daß die Ita­liener einen 30 m langen Stollen in den Berg bauen, um dort ein Geschütz zu postieren. Richtig, eines Tages war die Öffnung da und sie schossen von dort heraus. Natürlich konnten sie jede unserer Stellungen treffen. Es war also un­angenehm. Als Gegenstück sollte bei mir oben auch ein kurzer Stollen geschaf­fen werden, in ein paar Tagen war er auch fertig und es kam, leider ein altes, Geschütz herauf. Bald begann auch das Schiessen, worüber die Italiener nicht sehr erbaut waren. Nach 16 Tagen Schießen erzielte unser Geschütz in dem italienischen Stollen einen Volltreffer. Da wurde der Stollen­aus­gang verrammelt, zugemauert und wir hatten seither Ruhe vor diesem Störenfried.
Nun gab es aber eine neue Überraschung. Auf einmal hatten wir mittags in einer neuen Baracke einen Volltreffer von einem granatenartigen Geschoß. Zum Glück gab es nur zwei Schwer- und einige Leichtverletzte. Durch Zu­sammensetzen der Sprengstücke kamen wir drauf, daß es eine Gewehrgranate sei. Auf einem Stab ist das Geschoß aufgeschraubt, der Stab kommt in den Gewehrlauf und nun wird steil abgeschossen. Zur raschen Sicherung meiner neuen Baracke verlangte ich Drahtsiebe, welche ich über den Dächern verspannte. Es hatte sich vollkommen bewährt und wir hatten auch da Ruhe. . . .
. . . Unendlich mannigfaltig war hier oben die Tätigkeit im Fels, im Schnee, Schieß­technik, Bau usw. und alles mußte man können, da wurde erst gar nicht gefragt. Und es ging und mir machte es meist ein Vergnügen. Aber es hieß auch eisernen Willen haben und so manche schwierige Lage zusammen mit Wetter­un­bill hinter sich zu bringen. Und das Wetter spaßt da aber nicht. Mitte Jänner fuhr von meiner Stellung aus eine Lawine ab und begrub 16 Leute unten im Nebenabschnitt. Glücklicherweise kamen alle lebend davon, der Sanitätshund hatte bei der Suche gute Dienste geleistet.
Ende Jänner spürte ich Fieber in mir, Messung 38.4. Trotz Mahnung des Medi­ziners blieb ich nicht liegen. 3 Tage ging es so, da griff er zur List. Gegen Abend wurde ich zum Bataillonskommando berufen und als ich ahnungslos dort erschien, wurde ich ins Marodenzimmer gesteckt, und nicht mehr fort­gelassen bis ich gesund war . . . "
Die Kämpfe am Plöckenpass

Wenn man diese Zeilen liest, kommt einem das Geschehen an diesem Front­abschnitt fast gemütlich vor, besonders, wenn man es mit der Hölle der Ison­zo-Front oder mit den Schilderungen der Kämpfe am Plöckenpass vergleicht, dem Frontabschnitt nur wenige Kilometer westlich vom Einsatzort meines Großvaters.

Der Plöckenpass als wichtigster Übergang im Bereich der Karnischen Alpen hatte eine Schlüsselposition. Denn die Einnahme dieses Passes hätte den Ita­lie­nern den Weg zum Gail- und zum Drautal geöffnet und hätte damit eine akute Gefährdung der Versorgungwege der K.u.K. Armee zur Folge gehabt. Wegen dieser strategischen Bedeutung wurde der Frontabschnitt um den Plöckenpass zu einem Brennpunkt des Kampfgeschehens.
Befestigungsanlage am Plöckenpass (heute Freilichtmuseum)
Nachdem die Italienische Führung anfangs die Chance verpasst hatte, den von den Österreichern nur schwach besetzten Frontabschnitt durch einen ent­schlos­senen Angriff zu erobern, kam es im Mai und Juni 1915 zu einem ver­lustreichen Kampf um den Grenzkamm. Freikofel, Kleiner Pal, Großer Pal: sie wurden in erbitterten Nahkämpfen und unter mörderischem Artilleriefeuer mehrmals erobert und wieder verloren. Allein der zweitägige Kampf um den Kleinen Pal kostete beiden Gegenrn fast tausend Tote.
Befestigungsanlage am Plöckenpass (heute Freilichtmuseum)
Nach diesen Kämpfen erlahmte die Front im Stellungskrieg. Die Linien wurden bis zum Rückzug der italienischen Armee im Spätherbs 1917 gehalten. Denn am 24. Oktober 1917 begann die österreich-ungarische Offensive von Flitsch und Tolmein, die auch als 12. Isonzoschlacht bezeichnet wurde. Im Zug die­ser Offensive gelang österreichisch-ungarischen und deutschen Trup­pen die Ero­be­rung Venetiens, bis italienische Verbände, unterstützt von briti­schen und französischen Divisionen, im November eine neue Front entlang des Flusses Piave errichteten.
 

Gebirgskrieg

Der Gebirgskrieg 1915–1918 zwi­schen Österreich-Ungarn (mit deu­tscher Hilfe) und Italien (mit Unter­stützung der anderen Alliierten) war im Wesentlichen ein Stellungs­krieg. Es gab fünf Hauptfronten: vom Stilfser Joch zum Gardasee, vom Gardasee bis zum Kreuzbergsattel bei Sexten, auf den Kämmen der Karnischen und Julischen Alpen, am Isonzo und an der Piave-Grappa-Front. Die Stellungen lagen teilweise auf fast 4000 m Höhe.
Nie wieder würden sich zwei Armeen in diesem Umfang auf einen Ge­birgs­krieg einlassen, wie es 1915–1918 geschehen war.
Mein Großvater,
Offizier in der K. u. k. Armee

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