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Die Lienzer Kosaken-Tragödie



Wenn man von Lienz (Osttirol) aus in Richtung Osten fährt, kann es ge­sche­hen, dass man auf ein Schild mit der Inschrift „Kosakenfriedhof“ auf­merksam wird. Folgt man diesem bis ans Ufer der Drau, entdeckt man einen kleinen Fried­hof mit einem Gedenkstein und einer kleinen Kapelle, einem im orthodoxen Stil gehaltenen Holzbau. Diese kleine Holzkapelle wurde neben den Ko­sa­ken­fried­hof im Ortsteil Peggetz von Lienz im Gedenken an die Kosakentragödie von 1945 errichtet.
In 28 Gräbern birgt der Friedhof etwa 300 Kosaken. Obwohl der Friedhof selbst bereits seit 1945 besteht, ist die Einweihung der Kapelle erst am 1. Juni 2015 erfolgt.
Der Kosakenfriedhof in Lienz
Auf diesem Friedhof sind Kosaken begraben, die in einem Feldlager am nördlichen Ufer der Drau im Frühjahr 1945 gestorben sind, als das Kosakenlager von der britischen Armee geräumt wurde. Die noch lebenden Kosaken wurden in Judenburg an die Rote Armee übergeben.

Im Zweiten Weltkrieg hatten die deutsche Besatzung und die Be­las­tun­gen des Krieges in der UdSSR zahlreiche Bruchstellen innerhalb der stali­nis­tischen Ge­sellschaft hervorgebracht und zu ver­schie­de­nen Formen von „Kol­la­bo­ra­tion“ geführt. Die Beweggründe der vermeintlichen „Verräter“ gingen vom bloßen Überlebenswillen bis hin zu einem tiefen Hass auf den Bolschewismus. Stalins Sowjetunion rechnete erbarm­ungs­los mit den verschie­de­nen „Staats­feinden“ ab. Dies galt be­son­ders für die An­ge­hörigen der „bewaff­neten Kollaboration mit dem Feind".
Zu dieser Gruppe gehörten auch Kosaken-Verbände aus der süd­li­chen So­wjet­union, die ab dem Jahr 1943 dem deutschen Rückzug folg­ten. Ein Teil dieser Verbände nahm als XV. Kosaken-Kavallerie- Korps unter Ge­ne­ralmajor Helmuth von Pannwitz unter anderem an deutschen „Parti­sa­nen­ak­tionen“ in Jugoslawien teil. Die bevorstehende Nie­derlage Deutsch­lands brach­te diesen Kosaken als Kämpfer aufseiten des Deutschen Reichs in große Be­drängnis, denn sie wurden von Stalin als Verräter betrachtet.
Mit den Kampfverbänden waren auch deren Fa­mi­lien mitgezogen. Im Früh­jahr 1944 zogen sich die so­ge­nann­ten Ko­sa­ken-Stans (die ganzen Sippen, inkl. den älteren Leuten, Frauen und Kindern) über Weißrussland und Polen in den Friaul (Norditalien) zurück, wo ihnen die deutschen Behörden ein Gebiet zu­wie­sen [].
Gegen Ende des Krieges versuchte von Pannwitz, um sich nicht den nach­rück­enden Sowjets und den jugoslawischen kommunistischen Partisa­nen ergeben zu müssen, und weil er wusste, was seinen Kosaken im Falle einer Gefan­gen­nah­me durch die Sowjets bevorstehen würde, mit den Kosakenverbänden (und deren Familien) über den Plöckenpass das britisch besetzte Kärn­ten zu er­rei­chen, wo er am 9. Mai 1945 auf die 11. britische Pan­zer­division traf. Von Pannwitz und seine Kosaken glaubten, bei den Briten in Sicherheit zu sein.
In Lienz wurde das Hauptquartier aufgeschlagen. Im Tross dieser „ver­lo­renen Armee“ waren auch zahlreiche Angehörige der Kämp­fer, etwa 1.500 Kin­der und 3.000 Frauen, alte Menschen und Geistliche. Dazu kamen auch mehr als 5.000 Pferde, die in­ner­halb kurzer Zeit die Wiesen der Umgebung kahl fraßen. Die Einheimischen blieben den Kosaken gegenüber sehr zu­rück­hal­tend, denn sie fühlten sich durch deren Anwesenheit bedroht.

Mehrmals versicherten die Briten die Kosaken, dass niemand an Stalin aus­ge­liefert werde. Noch am 24. Mai sagte ein britischer Oberst vor den ver­sam­mel­ten Kosaken-Führern: „Meine Herren, bleiben Sie ruhig. Bis jetzt hat es noch keinen Fall gegeben, in dem Kriegsgefangene, die unter der Obhut der britischen Krone stehen, an einen anderen Staat aus­ge­liefert worden wären.“

Tatsächlich war aber von den Großen Dreien in Jalta längst anders be­schlos­sen worden: Weil die britische Regierung unter anderem be­fürch­tete, dass Stalin die beim Vormarsch durch die So­wjets befreiten britischen Kriegs­ge­fan­ge­nen als Faustpfand zurückbehalten könnte, konnte dieser durchsetzen, dass So­wjet­bür­ger, die von den Westmächten befreit oder gefangen ge­nom­men wurden, an die UdSSR auszuliefern seien.

Am 29. Mai 1945 begann die Auslieferung von Kosaken-Generälen und -Of­fi­zieren. Die Briten gingen mit Knüppeln, Gewehrkolben und Bajonetten brutal gegen die Menschen vor. Viele wurden in der Panik totgetrampelt. Hunderte Kosaken, auch Frauen und Kinder, stürm­ten die Drau-Brücke, auf der briti­sche Posten in Stellung gegangen waren. Ein Teil der Verzweifelten stürzte sich von der Brücke in den Fluss. Andere Kosa­ken-Gruppen verübten kol­lek­ti­ven Selbst­mord. Noch Tage später wurden im Lienzer Umland Hunderte Lei­chen gefunden. Die Ereignisse gingen als „Tra­gödie an der Drau“ in die Ge­schichte ein.
Am 2. Juni wurden am Bahnhof von Nikolsdorf 1750 Kosaken zum Transport überstellt und am 3. Juni wurden nochmals 1487 Menschen zur damaligen Demarkationslinie bei Judenburg-Steiermark gebracht. Dort, jenseits des Flusses Mur, begann der Machtbereich der Sowjets, die auf die „Verräter" bereits auf der Brücke warteten. Auch in Oberdrauburg wurden ähnliche Maßnahmen wie in der Peggetz getroffen. Die De­por­tie­run­gen wurden täglich bis zum 7. Juni durchgeführt. Während dieser 10 Tage wurden 35.000 Kosaken abtransportiert. Laut Emil Winkler, Bürgermeister von 1938 bis 1945 in Lienz, kamen etwa 3.000 Männer, Frauen und Kinder ums Leben.
Tagelang vergruben die Bauern der Gegend die Toten – vornehmlich Frauen und Kinder – in den Schoß der Mutter Erde. Nur selten wurde ein Hinweis auf die Identität der Toten gefunden. Nur selten konnte dem einen oder anderen Opfer der Name auf das Grabkreuz geschrieben werden.
Viele Mütter hatten ihre Babys im Wald versteckt, um ihnen das Leben in den Gulags zu ersparen. Britische Suchtrupps durchkämmten in den folgenden Ta­gen die Gegend. Immerhin wurde nach dem 4. Juni bei den Gefangenen die Staats­bürgerschaft überprüft, Exilanten genossen von da an Gnade. Erst Ende Juni stoppten die Briten die Auslieferungen.
Die wenigen Kosaken, die es geschafft hatten, sich in den Wäldern zu ver­ste­cken, harrten dort noch Monate aus. Prof. Harald Stadler von der Uni Inns­bruck schätzt ihre Zahl auf maximal 500. Standen die Lienzer der Kosa­ken-Invasion – damals hatte ganz Osttirol nur etwa 35.000 Einwohner – zunächst skeptisch gegenüber, so drehte sich die Stimmung nach den tragischen Er­eig­nissen. Je nach Möglichkeit wurden die in die Berge geflohenen Kosaken versorgt. Siehe auch []

In Peggetz finden jährlich Gedenkfeiern der Überlebenden und der Nachkommen statt. Bei der Gedenkfeier 2015 gedachten Kosaken aus aller Welt der gewaltsamen Auslieferung der „Lienzer Kosaken“ siebzig Jahre zuvor. Die Gedenkfeier fand aber ohne vier führende Kosaken-Vertreter statt, sie durften nicht ausreisen. Siehe auch [] und [].

Die Kosakentragödie (Kurzfassung [])
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Kaum etwas ist über das Schicksal der ausgelieferten Menschen bekannt. Im Sommer 1945 wurden sowohl die kosakischen als auch die deutschen Sol­da­ten des Korps in den Ural und nach Workuta in Sibirien abtransportiert, wo sehr viele von ihnen umkamen. Generalleutnant Helmuth von Pannwitz wurde zu­sam­men mit anderen Kosakengenerälen der „Spionage-, Diversions- und Ter­ror­tä­tig­keit gegen die Sowjetunion“ für schuldig erklärt und zum Tode durch den Strang verurteilt. Dieses Urteil wurde am 16. Jänner 1947 in den Kellern der Lubjanka vollstreckt.

Mit einer Andeutung im James-Bond-Film „GoldenEye“ (1995) fand die Tra­gö­die an der Drau auch Eingang in die Populärkultur: Der Gegenspieler Bonds erklärt sich als Sohn eines Lienzer Kosaken (in der deutschsprachigen Version fäl­schli­cher­weise als „Linzer Kosake“ genannt). James Bond (dargestellt von Pierce Brosnan) kommentiert die Auslieferung der Kosaken an die Sowjet­union mit den Worten: „Not exactly our finest hour.“
 

Hellmuth von Pannwitz

Der deutsche Offizier Helmuth von Pannwitz (1898 – 1947) war zuletzt Ge­neralleutnant und Komman­die­ren­der General des XV. Kosaken-Ka­val­lerie-Korps der Wehrmacht. Er wurde 1947 in Moskau hingerichtet

Kosaken und Wehrmacht
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Von Pannwitz
General von Pannwitz
und seine Kosaken

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Die Kosaken im Ersten
und Zweiten Weltkrieg

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