Geschichte

Der Elefant Soliman



Am 20. Juli des Jahres 802 durchschritt ein Elefant mit seinem Führer das Stadttor von Aachen. Das majestätische Tier mit dem Namen Abul Abbas war ein Geschenk für den fränkischen Kaiser Karl dem Großen seitens des Kalifen Harun al Raschīd. Der Elefant hatte auf seiner Reise über 5000 Kilo­meter zu­rückgelegt. Er war der erste na­ment­lich und ur­kund­lich belegte Elefant nörd­lich der Alpen.
Das sollte nicht das einzige Elefantengeschenk in der Geschichte Europas bleiben. Als sogenanntes diplomatisches Geschenk islamischer Herrscher ge­lang­ten Elefanten ins christlich-abendländische Europa. Sie kamen als Mittel zum Zweck der Po­litik. Sie gingen an die einflussreichsten Per­so­nen jener Zeit: an Kaiser, Päpste, Fürsten.
Im Jahr 1229 gelangte der Cre­mo­na-Elefant in den Besitz des Stau­fer­kaisers Fried­rich II., als diplomatisches Geschenk des Sultans Al-Kamil von Ägypten. Er begleitete fortan seinen Besitzer bei seinen Un­ter­neh­mun­gen.
Annone war ein indischer Elefant, den König Emanuel I. von Portugal (Ma­nuel der Glückliche) dem neu gewählten Papst Leo X. 1514 schenk­te.

Der Elefant Soliman war ein Geschenk von Jo­han­na, der Tochter Kaiser Karls V. und Isabellas von Portugal (die Schwester des por­tu­gie­si­schen Königs Joao III.), an Maximilian, den Nef­fen des Kaisers und spä­te­ren Kaiser Maxi­milian II. Suleiman wur­de von den por­tu­gie­si­schen Kolonien Kotte in Ceylon (Sri Lanka) über Goa in Indien nach Lissabon und dann nach Valladolid, der damaligen Hauptstadt Spaniens, trans­portiert.
Soliman sollte der erste Elefant in Wien werden. König Joao übergab Maximilian den Elefanten auch als Symbol königlicher Macht. Er riet ihm, dem Elefanten den Namen „Soliman“ zu geben: Ich meine, ihr sollt dem Tier einen neuen Namen geben, und zwar den des Tod­feindes des christlichen Abendlandes wie auch Eures fürstlichen Hauses, des Sultans Soliman, damit dieser hierdurch gleichsam zu Eurem Sklaven und geziemend ge­de­mü­tigt werde. Als Euer Paradetier soll der in Eure Residenz Wien einziehen, der ihr den Untergang bereiten wollte."

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Im August 1551 machten sich Maximilian, dessen Gemahlin Maria mit ihren bei­den Kindern und einem beträchtlichen Gefolge, bestehend aus etwa 100 Pferden, Reitern und Begleitpersonal sowie Soliman und seinem Mahout auf die Reise. Das Gepäck war in Transportwägen verstaut, viele Be­gle­iter ritten zu Pferde, der Erzherzog Maximilian reiste mit seiner Familie in ei­ner Kutsche. Quer über die Iberische Halbinsel ging es nach Barcelona, von wo man sich nach Genua einschifft.
Am 12. November 1551 erreichten nach einer stürmischen Überfahrt So­li­man und die Reisegruppe Genua, um von dort den Weg über Mailand, Cre­mo­na und Mantua nach Norden einzuschlagen. Am 13. Dezember er­reich­te der herrschaftliche Zug Trient, wo gerade das Konzil tagte. Zu Ehren des fürstlichen Besuches wurde in der Stadt ein hölzernes Abbild des Tieres auf­ge­baut, aus dem ein Feuerwerk ge­zündet wurde.
Der Elefanten-Zug folgte von Trient aus der Route über den Brenner. We­gen der schlep­pen­den diplomatischen Verhandlungen gelang es nicht, in Bo­zen ein ähnliches Spektakel zu or­ga­nisieren wie in Trient. Die Ver­hand­lungen mit dem Bozener Landtag zogen sich in die Länge, sodass Maximilian ent­schied, seine Fa­mi­lie zu­sam­men mit dem Elefanten nach Brixen voraus­zu­schicken.
Fresco des Hotels Elephant in Brixen (Bildlizenz)

Die Ankunft des Elefanten in Brixen im Jahr 1551, kurz vor Weih­nach­ten, war ein ech­ter Glücksfall für das einfache Gasthaus, in des­sen Scheune Soliman untergebracht war. Der clevere Herbergswirt nutzte das allgemeine Interesse an seinem exotischen Gast zu Wer­be­zwe­cken. An der Außenwand ließ er das Fresko vom Maler Lenhard Mair anbringen. Fortan nannte er sei­ne Herberge „Zum Hellephant“. Heute ist es ein bekanntes historisches Hotel in Brixen, das mit einem über die Jahrhunderte stets erneuerten Wand­bild und einer Inschrift an Soliman erinnert.

Zur Weihnachtszeit findet in Brixen eine ein­zig­ar­tige Licht- und Musikshow statt: "So­li­mans Traum", eine Produktion der französischen Lichtkünstler des Unternehmens Spectaculaires – Allumeurs d’Images.
Solimans Traum (Brixen)

Am 2. Januar 1552, setzten der Elefant und seine Gefährten ihre Reise fort. Am Dreikönigstag erreichte Soliman Innsbruck; am 24. Januar 1552 erreichte Soliman Wasserburg, wo eine Er­krankung Maximilians einen län­ge­ren Auf­ent­halt erforderte. Mitte Februar gab es in Mühl­dorf am Inn eine erneute Un­ter­bre­chung, weil Maximilians Frau Maria schwanger war. Ende Februar erreichte der Tross Passau. Ende Februar war man dann in der habs­bur­gischen Residenz Linz. Hier ließ der amtierende Bür­ger­meister Jörg Hutter der Ältere an seinem Haus ein Elefantenrelief an­bringen, das bis zum heutigen Tag erhalten geblieben ist.
Am 6. März 1552 traf Soliman in Wien ein. Der Einzug des ersten Ele­fan­ten mit dem kai­serlichen Neffen in die festlich geschmückte Stadt wurde zur triumphalen Parade. Maximilian und seine Frau zogen mit dem gesam­ten Hof­staat, mit Reitern, Lanzenträgern und mit vergoldeten Karossen durchs Kärntner Tor bis hin zu Solimans erste Unterkunft in einer Scheune am Was­ser­gla­cis. Der gesamte Weg war von der jubelnde Wiener Bevölkerung gesäumt.
Bei allem Jubel: Nicht wenigen Schaulustigen, die dem „lang­nasigen Unge­heuer“ in die Nä­he ka­men, schlot­ter­ten da­bei die Knie. Fol­gen­de Episode soll sich ereignet haben: Die neu­gierigen Wiener dräng­ten sich in den engen Stra­ßen. In vor­derster Reihe stand eine junge Mutter mit ihrem Klein­kind. Als der Elefant vor­bei­zog, entglitt das Kleine seiner Mutter und kollerte vor die Füße des Dickhäuters. Die Men­ge schrie entsetzt auf, der Elefant zog jedoch den schon erhobenen Vorderfuß zurück und überreichte das Kind mit seinem Rüssel unverletzt der vor Schreck bleichen Mutter“.
Soliman wurde zunächst in einer Scheune am Wasserglacis zur Schau gestellt, wo ihn die Wiener bestaunen konnten. Maximilian ließ dann in Ebers­dorf bei Wien eine eigene Me­na­ge­rie anlegen, in der Soliman zur ersten gro­ßen Attraktion wurde. Die Menagerie wurde bald für die Wiener Bevölkerung ein beliebtes Aus­flugs­ziel.
Das Tier war im Jahr 1542 im Al­ter von zwei Jahren aus den indischen Ge­bie­ten gekommen, um am 6. März 1552 am königlichen Hof von Wien an­zu­kom­men. Bereits am 18. Dezember 1553 starb Soliman – vermutlich aufgrund nicht artgerechter Haltung und Er­nährung – inmitten der Gleichgültigkeit der Wiener und noch viel zu jung für einen Elefanten.
Zum Gedenken an seinen ge­liebten Elefanten ließ Ma­xi­mi­lian eine Münze prägen, die sein Abbild zeigt und die In­schrift: „Dieser Helfant ist kumen gien wien in die  Stat da man in bei seinem Leben abkonterfet hat“.
Zehn Jahre später, im Jahr 1563, ließ sich Ma­xi­mi­lian ei­nen zweiten Elefanten aus Spanien nach Wien kom­men, von dessen Aufenthalt in der kaiserlichen Menagerie aber kaum etwas über­liefert ist.
Die Knochen des ersten Elefanten, der je nach Wien kam, wurden zu einem kunstvollen Prunkstuhl verarbeitet. Drei Schenkelknochen bilden die Beine, ein Stück Beckenknochen die Sitzfläche. Das Ganze wurde auf ein schwarzes Holzgestell montiert. Die Sitzfläche, die aus dem Beckenknochen bestand, ist mit kunstvollen Gravuren versehen. Zahlreiche Wappen und Or­namente schmücken das wertvolle Möbelstück, das sich heute in der Wun­der­kam­mer des Stiftes Kremsmünster in Oberösterreich befindet.

Maximilian ließ die Haut von Soliman mit Stroh ausstopfen und stellte das aus­ge­stopfte Tier in der Schausammlung seiner Me­na­ge­rie auf. 1572 schenkte er es seinem Schwager Herzog Albrecht V. von Bayern zum Ge­schenk. So gelangte das exotische Tier als fürstliche Gabe in dessen Kunst­kammer in München. 1928 kam der ausge­stopfte So­li­man ins Baye­rische Na­tio­nal­museum in München. Um ihn vor den Bomben der alliierten Luft­an­griffe zu schützen, wurde er 1942 in den Museums­kel­ler ge­schafft. Doch die dortige Feuchtigkeit ließ Soliman verschimmeln. Aus seiner Haut sollen in den kargen Nach­kriegs­jahren noch Schuhsohlen gefertigt worden sein.