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Joseph Roth



"Als ich dreißig Jahre alt war, durfte ich endlich die weißen Städte sehen, die ich als Knabe geträumt hatte. Meine Kindheit verlief grau in grauen Städten. Meine Jugend war ein grauer und roter Mi­litärdienst, eine Kaserne, ein Schüt­zengraben, ein Lazarett. Ich machte Reisen in fremde Länder - aber es waren feindliche Länder. Nie hätte ich früher gedacht, daß ich so rapid, so unbarm­her­zig, so gewaltsam einen Teil der Welt durchreisen würde, mit dem Ziel zu schießen, nicht mit dem Wunsch zu sehen. Ehe ich zu leben ange­fan­gen hatte, stand mir die ganze Welt offen. Aber als ich zu leben anfing, war die offene Welt verwüstet. Ich selbst vernichtete sie mit Altersgenossen. Die Kinder der anderen, der früheren und der späteren Generationen, dürften einen stän­di­gen Zusammenhang zwischen Kindheit, Mannestum und Greisenalter finden. Auch sie erleben Überraschungen. Aber keine, die nicht irgendeine Be­zieh­ung zu ihren Erwartungen zu bringen wäre. Keine, die man ihnen nicht hätte pro­phe­zeien können. Nur wir, nur unsere Generation, erlebte das Erdbeben, nach­dem sie mit der vollständigen Sicherheit der Erde seit der Geburt ge­rech­net hatte. Uns allen war es, wie ei­nem, der sich in den Zug setzt, den Fahrplan in der Hand, um in die Welt zu reisen. Aber ein Sturm blies unser Gefährt in die Wei­te, und wir waren in einem Augenblick dort, wohin wir in ge­mäch­lichen und bunten, erschütternden und zauberhaften zehn Jahren hatten kommen wollen. Ehe wir noch erleben konnten, erfuhren wir's. Wir waren fürs Leben gerüstet, und schon begrüßte uns der Tod. Noch standen wir verwundert vor einem Leichenzug, und schon lagen wir in einem Massengrab. Wie wußten mehr als die Greise, wir waren die unglücklichen Enkeln, die ihre Großväter auf den Schoß nahmen, um ihnen Geschichten zu erzählen."
(aus "Hotel Savoy")  

Joseph Roth wurde am 2. September 1894 in Brody, Galizien (heute Ukra­ine), als Sohn jü­di­scher Eltern geboren.
Brody war eine mittelgroße Stadt nahe der Grenze zwischen Österreich-Un­garn und Russland. Galizien [], zuvor polnisches Gebiet, bildete von 1772 bis 1918 als Königreich Galizien und Lodomerien ein Kronland der Habs­bur­ger­mo­narchie. Sowohl in Galizien als auch im russischen Wohlhynien war ne­ben der polnischen, russischen, ruthenischen und deutschen Be­völ­ke­rung der Anteil der Juden sehr groß. Brody war zum Ende des 19. Jahrhun­derts eine der wenigen Städte Galiziens, deren Bevölkerung mehrheitlich aus Juden be­stand.
1894 kehrte Josephs Vater noch vor der Geburt seines Sohnes nicht von einer Geschäftsreise zurück, so wuchs der kleine Roth bei seiner Mutter und sei­nem Großvater auf.
1901-1913: Roth besuchte die jüdische Gemeindeschule in Brody und danach das Kronprinz-Rudolph-Gymnasium, wo er seine Matura (sein Abitur) mit Aus­zeichnung bestand. In diesen Jahren verfasste Roth seine ersten Gedichte. Nach der Matura immatrikulierte er sich an der Universität Lemberg für die Fächer Germanistik und Philosophie. 1914 wechselte er zur Universität Wien.
Radetzkymarsch - Trailer
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Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Roth zunächst als wehr­dienst­un­tauglich vom Militärdienst befreit. 1916 meldete er sich aber freiwillig zum Mi­litärdienst und diente in Galizien bei einer Infanterietruppendivision sowie in Wien bei einer militärischen Pressestelle. Von 1917 an bis zu Kriegsende war er dem Pressedienst im Raum Lemberg zugeteilt. Das Ende des Krieges er­lebte er in russischer Gefangenschaft.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Roth zunächst als wehr­dienst­un­tauglich vom Militärdienst befreit. 1916 meldete er sich aber freiwillig zum Mi­litärdienst und diente in Galizien bei einer Infanterietruppendivision sowie in Wien bei einer militärischen Pressestelle. Von 1917 an bis zu Kriegsende war er dem Pressedienst im Raum Lemberg zugeteilt. Das Ende des Krieges er­lebte er in russischer Gefangenschaft.
1918 - 1919: Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft kehrte Roth nach Wien zurück, wo er sein erstes Feuillton in der linksliberalen Zeitung "Der neue Tag" veröffentlichte. Für diese schrieb er innerhalb eines Jahres mehr als 100 Artikel in einem von Witz und sprachliche Klarheit gekenn­zeich­ne­tem Stil.
Ende April 1920 stellte der "Neue Tag" sein Erscheinen ein. Roth zog nach Ber­lin um, in eine Stadt, die während der Weimarer Republik eine kulturelle Blühte erlebte. 1922 heiratete er Friederike (Friedl) Reichler, eine attraktive, intelligente Frau, die aber weder eine Intellektuelle war noch dem ruhelosen, mondänen Leben an der Seite eines reisenden Starjournalisten etwas ab­ge­win­nen konnte.
Im gleichen Jahr begann Roth Bei­träge für das sozialistische Blatt Vorwärts zu schreiben, obwohl er sicherlich kein Sozialist war, dessen Überzeugungen auf theoretischen Fundamenten ruhten. Ab Jänner 1923 arbeitete er als Feuille­ton­korrespondent für die re­nom­mierte Frankfurter Zeitung, in der in den fol­gen­den Jahren ein großer Teil seiner journalistischen Arbeiten erscheinen sollte. Aufgrund der durch die In­flation in Deutschland und Österreich abwechselnd relativ schlechteren wirt­schaftlichen Lage pendelte Roth in dieser Zeit mehr­fach zwischen Wien und Berlin. In diesem Jahr begann er auch seine Mitarbeit mit dem "Prager Tage­blatt".
1924 erschien Joseph Roths erster Roman, "Hotel Savoy", der den gesell­schaft­lichen Umbruch der Nachkriegszeit zum Thema hat. In den folgenden Jahren wurde er Auslandskorrespondent der "Frankfurter Zeitung" in Paris und, als er die Stelle aufgeben musste reiste er für sie selbe Zeitung in die Sowietunion, nach Italien, Albanien und Polen.

1926 hatten sich bei Roths Frau erste Symptome einer geistigen Erkrankung gezeigt, 1928 wurde die Krankheit manifest und Friedl wurde vorübergehen in eine Nervenheilanstalt behandelt. Als auch die Unterbringung bei ihren Eltern keine Besserung brachte, kam sie 1930 - 1933 in verschieden Anstalten. Roth beantragte die Scheidung. 1940 wurde Friedl in eine Heilanstalt nach Linz ge­schickt, über eine Ankunft dort gibt es keinen Beleg – sie wurde ein Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms. Sie starb am 15. Juli 1940.

Die Krankheit seiner Frau stürzte Roth in eine tiefe Krise. In dieser Zeit be­gann er kräftig zu trinken und seine finanzielle Situation verschlechterte sich.

Das Spinnennetz
Das Spinnennetz ist ein abgebrochener Fortsetzungsroman von Joseph Roth, der 1923 in der Wiener Arbeiter-Zeitung vorabgedruckt wurde. Der Druck er­2 folgte posthum 1967 in Köln und Berlin. Das Werk wurde 1989 verfilmt.
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1929 - 1930 arbeitete Roth für die konservative Zeitung "Münchener Neueste Nachrichten"und veröffentlichte sein Roman "Rechts und Links". Roth wendete sich mehr und mehr dem Gedankengut der konservativen habsburgischen Legitimisten zu. Er idealisierte die Monarchie in seinen Romanen als eine aus der Zeit gehobene Phase der Sicherheit und Ordnung.
1930 erschien sein erfolgreichstes Buch "Hiob", das vom Juden Mendel Sin­ger handelt, der auf der Suche nach Gott ist.

"Und sie gelangten in eine Welt, wo der weiche Sand gelb war, das weite Meer blau und alle Häuser weiß. Auf der Terrasse vor einem dieser Häuser, an einem kleinen, weißen Tischchen, saß Mendel Singer. Er schlürfte einen goldbraunen Tee. Auf seinen gebeugten Rücken schien die erste warme Sonne dieses Jahres. Die Amseln hüpften dicht an ihn heran. Ihre Schwestern flöteten indessen vor der Terrasse. Die Wellen des Meeres plätscherten mit sanftem, re­gel­mäßigem Schlag an den Strand. Am blaßblauen Himmel standen ein paar weiße Wölkchen."                                              (aus "Hiob")  

1932 erschien Roths Meisterwerk "Radetzkymarsch", in der er anhand einer Familiengeschichte den Un­ter­gang des habsburgischen Reichs schildert.
In der Schlacht von Solferino rettet Leutnant Joseph Trotta unter Einsatz sei­nes Lebens dem jungen Kaiser Franz Joseph I. das Leben. Dafür wird er in den Adelsstand erhoben. Seinem Sohn, Franz Freiherrn von Trotta, verbietet er eine Karriere beim Militär. Dieser schlägt also eine zivile Beamtenlaufbahn ein. Bei Carl Joseph Trotta, seinem Sohn ist von der Stärke des "Helden von Solferino" nichts übrig geblieben. Er will eigentlich kein Soldat sein und folgt nur dem Auftrag seiner Familie. Das Schicksal verschlägt ihn im Ersten Welt­krieg zur Infanterie an die russische Grenze, wo er der Spiel­sucht und dem Alkohol verfällt. Wie am Anfang des Aufstiegs der Familie der Einsatz eines Menschenlebens für den Kaiser ge­stan­den hat, geschieht am Ende ein Opfer­gang für die Kameraden: Carl Joseph fällt bei dem Versuch, Wasser für seine Soldaten zu holen.

1933, nach der Machtübernahme Hitlers, emigrierte Roth nach Paris, von wo aus er sich publizistisch für die Restauration des untergegangenen habs­bur­gi­schen Vielvölkerstaats einsetzt, in dem er die einzige Möglichkeit sieht, die Unabhängigkeit Österreichs zu bewahren. 1935 wendete er sich dem Katho­li­zismus zu, der zeitlebens eine große Anziehungskraft auf ihn ausgeübt hatte.
1938 reiste er - kurz vor dem "Anschluss" Österreichs - zum letzten Mal nach Wien im Auftrag der österreichischen Legitimisten. Im selben Jahr veröf­fent­lich­te er den Roman "Kapuzinergruft", eine Fortsetzung des Romans "Radetz­ky­marsch".
1939 erschien seine Erzählung "Die Legende vom heiligen Trin­ker" und die Artikelserie "Schwarz-Gelbes Tagebuch". Am 23. Mai brach er zusammen, als er die Nachricht vom Selbstmord seines Freundes Ernst Toller erhielt. Drei Tage später starb Joseph Roth, lebenslangem starkem Alko­hol­kon­sum gezeichnet und von den zahlreichen Schicksals­schlä­ge gebrochen im Hôpital Necker, einem Pariser Armenhospital.

1939 erschien postum Joseph Roths Roman "Die Geschichte von der 1002. Nacht". Während eines Besuchs in Wien verliebt sich der Schah von Persien in die Gräfin W. aus Mähren. Es verlangt ihn nach einer gemeinsamen Nacht. Er verbringt sie mit der als Gräfin verkleideten Mizzi Schinagl.
Der Titel des Romans suggeriert Orientalisches. Die Leser erwarten so etwas wie Tausendundeine Nacht. Der Schah tritt aber im Roman nur kurz in Er­schei­nung und liefert die Basis für die Lebensgeschichte von Mizzi sowie für jene des Rittmeisters Alois Franz Baron von Taittinger, der während des Staatsbesuchs des Schahs diesem die vermeiontliche Gräfin für eine Lie­bes­nacht zuführte.
"Sie gehörte zu jenen Mädchen, die in den längstvergangenen Tagen ohne jedes andere Verdienst als das der Anmut Verehrung genossen und Anbetung er­war­ben."
"Er tanzte nicht gern. Er spielte nicht gern. Er trank nicht einmal gern. Eifersucht war seine einzige Leidenschaft."
"Durch ihre einfache Seele huschte für ein paar Minuten ein hur­ti­ger Abglanz jenes Lichts, das die Klügeren und Einsichtigen so selig und so traurig macht: das Licht der Erkenntnis."
"Der Baron Taittinger gehörte zu den nicht seltenen Menschen, die, in der Disziplin des Militärs herangewachsen, vom Schicksal ge­nau­so Befehle und Anweisungen erwarteten wie von vorgesetzten Stel­len."
"Es war nicht einfach das Wiener Dialekt. Es war, wie wenn ein Bär den Versuch gemacht hätte, italienisch zu sprechen."

Klassiker der Weltliteratur - Joseph Roth
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Ende 1926 hatte Joseph Roth für die "Frankfurter Zeitung" vier Monate lang Russland bereist. Diese Russland-Reportagen wurden 2015 unter dem Namen "Reisen in die Ukraine und nach Russland" im C.H. Beck Verlag wieder aufgelegt. Diese Reportagen (Lemberg, Kiew, Odessa, Moskau) liest man gerade heute wieder mit großem Interesse.
"Es gibt Städte, in denen es nach Sauerkraut riecht. Dagegen hilft kein Barock."
"Die großen, alten Kirchen treten aus der Reserve ihres heiligen Zwecks und mi­schen sich unter das Volk."
"Die Städte an der Wolga sind die traurigsten, die ich je gesehen habe. Sie erin­nern an die zerstörten Städte des französischen Kriegs­gebiets. Diese Häuser brann­ten im roten Bürgerkrieg; und dann sahen ihre Trümmer den weißen Hunger durch die Straßen galoppieren."
"Ohne diese Konditorei hätte ich nicht arbeiten können, das wich­tig­ste Schreib­material ist Kaffee."

Einen ausführlicheren Lebenslauf von Joseph Roth finden Sie bei Wikipedia [].
 

Joseph Roth

Was verbindet mich mit diesem be­gnadeten Schriftsteller?
Die gefühlte Le­bens­spanne eines Menschen reicht viel weiter in die Vergangenheit, als es sein Ge­burts­datum erahnen ließe. Alles was man über die eigene Familiengeschichte erlebt, gehört und gesehen hat, ge­hört dazu. Die Umbruchszeit des Ersten Weltkriegs, so wie es Roth in vielen seiner Romane schilderte, spie­gelt sich in den Erfahrungen wider, die mein eigener Großvater, Major in der k. und k. -Armee, in seinen Kriegsberichten beschrieb. Durch seine Berichte hat die Ge­schichte das alten Österreichs einen Fuß in die Türspalte meines Lebens gesetzt.

Erzählungen
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Joseph Roth
Radetzkymarsch
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DER FILM NACH DEM ROMAN
Radetzkymarsch
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Joseph Roth
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Hiob
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Das Spinnennetz
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Stationschef Fallmerayer
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Die Geschichte der 1002. Nacht
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Die Geschichte der 1002. Nacht / Der komplette 2-Teiler nach dem gleichnamigen Roman von Joseph Roth (Pidax Serien-Klassiker) [2 DVDs]
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Reisen in die Ukraine und nach Russland
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Galizien: Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina
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Lemberg: Das kulturelle Zentrum der Westukraine
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Zentrum der Westukraine

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Hinter verschlossenen Türen: Menschen im Hotel
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